Wie mein Vater starb

Frühjahr 2013

Als ich mein 8 Monate altes Kind nach einem Besuchstag bei meinen Eltern abhole, bietet mein Vater ihm gerade eine Erdnuss an. Erdnüsse sind Tabu für Babys. Das Problem ist, dass mein Vater angetrunken ist.

Sommer 2013

Ich sage meinem Vater, dass mein Kind nicht mehr bei meinen Eltern übernachten wird. Ich stelle nicht die Forderung, dass er nicht trinkt, wenn mein Kind da ist. So funktioniert Alkoholismus ja nicht. Mein Vater schreit mich an, dass ich gar nicht arbeite, wenn ich das Kind zur Betreuung abgebe. Dass ich das ständig behauptete, er aber de facto nicht viel von dieser Arbeit sehe. Nach 37 Jahren mit mir weiß er natürlich, wo er mich trifft. Ich heule, aber ich habe das erwartet. Dann behauptet er, dass es nur ein einziges Mal in seinem Leben ein gutes Gespräch zwischen uns gegeben habe. Das sei meine Schuld. Ich kann mich nicht an dieses angebliche Gespräch erinnern. Er kann mir nicht sagen, wann und wo das gewesen ist und was daran so gut war. Es sei eben einfach gut gewesen. Dass ich mich nicht an dieses Gespräch erinnere, bestätigt ihn darin, dass ich ihn nicht mag. So sagt er es nicht, aber so klingt es, und eigentlich habe ich immer gewusst, dass er das denkt.

Mein Vater ist beschämt und aggressiv, weil ich das Thema im Beisein meines Freundes und meiner Mutter aufgebracht habe. Im Nachhinein finde ich auch, dass das unfair war. Aber allein hätte ich zu große Angst gehabt.

Einen Tag nach dem Gespräch sagt mir meine Mutter, dass der Arzt meinem Vater eröffnet hat, er müsse sofort aufhören zu trinken, weil aus seiner Fettleber sonst eine Leberzirrhose wird. Das heißt, die Leber vernarbt und stellt ihre Funktion ein. Das und der Streit mit mir hätten ihn jetzt nachdenklich gemacht. Das Wort bringt mich zum Lachen.

Sommer 2014

Ich heirate. Wir feiern nur, um unseren Eltern einen Gefallen zu tun. Es sind 34 Grad im Schatten und um 12 Uhr gibt es Prosecco. Ab 13 Uhr wird mein Vater aggressiv und ich heule. Als er um 16 Uhr nach Hause fährt, bin ich erleichtert, so wie eigentlich schon immer.

Sommer 2014

Meine Mutter ist mit Freundinnen in Urlaub und mein Vater kündigt einen Besuch an. Der Arzt habe Krebs diagnostiziert, irgendwas im Knochenmark. Er erzählt recht unklar, aber ich glaube zu wissen, was es sein könnte. Der Krebs hat eine recht gute Prognose, man kann damit alt werden. Mein Vater ist 66 Jahre alt.

Ich entschuldige mich dafür, dass ich das Gespräch im letzten Jahr nicht unter vier Augen geführt habe. Jetzt kann er großzügig sein und abwinken, das sei schon längst vergessen, und ich hätte ja recht gehabt.

  1. November 2014

Mein Vater ruft an, um zu berichten, wie die Untersuchungen im Krankenhaus verlaufen sind. Früher haben wir nie mehr als 2 Minuten telefoniert, aber jetzt länger, es gibt ja etwas, über das wir reden können. Der Krebs ist im Anfangsstadium und daher muss keine Chemo gemacht werden. Dann erzählt er aufgeräumt, na ja, man habe im MRT noch eine Leberzirrhose festgestellt, aber das könne man ja behandeln. Seit letztem Sommer weiß ich, dass das nicht stimmt. Nach dem Telefonat ist mir schlecht.

  1. November 2014

Meine Mutter sitzt in der Küche und heult. Auf dem Befund steht „fortgeschrittene Leberzirrhose“. Ich sitze vor dem Rechner und lese mich ins Thema ein, ich bin auf Adrenalin und fühle mich im Recht. Es gibt drei Stadien, und da mein Vater Wasser im Bauch hat, steckt er wohl im letzten. 1-Jahres-Überlebensrate 42%. Am Telefon sagt er lachend, es gehe ihm ja gut.

  1. November 2014

Mein Vater trinkt schon seit zwei Wochen keinen Alkohol mehr. Der Verzicht macht ihm seltsam wenig aus, er hat keine Entzugssymptome. Das macht mich wütend. Sein Bauch ist dicker geworden.

  1. Dezember 2014

Das Wasser stört meinen Vater zunehmend, er muss ins Krankenhaus, um den Bauch punktieren zu lassen. Sie kriegen aber kaum etwas raus, und der Bauch ist danach genauso dick wie vorher. Dafür haben sie keine Krampfadern in der Speiseröhre gefunden, das ist ein gutes Zeichen. Als Papa anruft, kann ich nicht sprechen, ich bin seit Tagen heiser.

  1. Dezember 2014

Heiligabend, Papa sagt wenig, isst wenig und trinkt viel Orangensaft. Das friedlichste Weihnachtsfest, das ich erinnern kann.

  1. Januar 2015

Beim Neujahrsbesuch liegt mein Vater auf dem Sofa. Seine Nase sieht total scharf und schmal aus. Ihm ist seit Tagen schlecht. Der Arzt sagt, das liegt an dem Bauchwasser. Er bekommt entwässernde Medikamente und Lactulose zum Entgiften, alles, was geschieht, ist ein „nicht zu viel und nicht zu wenig“. Er sagt, dass er das alles nicht versteht, er hat doch seit Wochen keinen Tropfen mehr getrunken. Als sei das jetzt unfair, dass es ihm trotzdem schlecht geht.

  1. Januar 2015

Er raucht nicht mehr. RIP Marlboro, 1962-2014.

  1. Januar 2015

Mein Geburtstag. Mama kommt allein und weint wieder. Mein Vater steht kaum einmal auf. Er isst und trinkt nur, wenn sie ihn dazu drängt. Dann bekommen sie Streit.

  1. Januar 2015

Mein Vater steht nicht mehr auf und will auch nicht telefonieren. Mein Magen dreht sich seit Tagen wie eine Waschmaschine.

  1. Januar 2015

Mein Vater ist ins Krankenhaus gekommen. Abends ruft Mama an; er hatte eine Blutung in der Speiseröhre und liegt auf der Intensivstation.

  1. Januar 2015

Ich fahre mit meinem Mann ins Krankenhaus. Mein Vater ist gerade bei der Punktion, wir warten lange. Immer ist mir übel. Das verbindet uns inzwischen. Die Schwestern schicken uns ins Tiefgeschoss, dort sollen wir ihn abholen. Wir gehen runter, aber er ist nicht da. Ich gehe wieder zurück, hin und her durch die Gänge, weil ich denke, wir haben ihn übersehen. Als ich zurückgehe, steht da sein Bett, mein Mann neben ihm. Mein Vater sieht sehr klein aus und hat gute Laune. Stolz ist er, dass sie ihm literweise Wasser abgezapft haben. Euphorisch, leutselig. Seine Stimme ist seit Wochen heiser, aber in diesem Moment kommt die Erinnerung an das frühere Dröhnen zurück.

Auf dem Zimmer erzählt mir mein Vater, als wir allein sind, dass er seit zwei Tagen irre Muster in der Luft sehe, indianisch sähen die aus, sehr farbig. Ich kann nicht anders als total interessiert und begeistert zu sein, obwohl es mich alarmieren sollte. Hepatische Enzephalopathie. Ich stelle fest, dass ich die Einzige bin, der er das anvertraut hat.

Er hat schrecklichen Heißhunger auf Eis, ich soll ihm eins besorgen, er beschreibt es mir ganz genau.

  1. Januar 2015

Es ist ein Auf und Ab, die Leberwerte meines Vaters bleiben schlecht, er ist sehr matt. Jeder Arzt sagt jeden Tag etwas anderes zu jedem. Ich bin immer unterwegs, zu Hause kann ich nicht sein.

Ich fahre ins Krankenhaus. Mein Vater sagt meinen Namen, als ich die Tür öffne. Ich setze mich zu ihm ans Bett und versuche ihn zum Aufstehen zu bewegen, das hat mir die Schwester empfohlen. Aber er ist schlecht drauf, er sagt, dass er fürchtet, dass es nicht mehr besser wird. Die Wahrheit lugt kurz hervor. Mein Vater streckt dann die Arme nach mir aus und küsst mich auf die Stirn und sagt nochmal meinen Namen. Ich lasse das zu. Dann schaffe ich es doch, ihn zum Aufstehen zu bewegen. Wir gehen ein Stück und setzen uns in einen Aufenthaltsraum. Mein Vater trinkt Kaffee. Er will unbedingt, dass ich mir auch was aussuche aus dem Spezialitäten-Automaten, aber mir ist immer noch so unendlich schlecht die ganze Zeit.

Wir unterhalten uns über Hopper und die USA. Dann erzählt er, dass er vor Jahren mit meiner Mutter in Neuengland mit dem Auto unterwegs war und sie in einem Diner Pause gemacht haben. Da kam ein älterer, sichtlich schwer kranker Mann am Arm seiner Frau herein. Sie sprachen sehr lange über der Karte und bestellten dann. Vor dem Mann stand ein Teller mit üppigen Speisen, Burger, Spiegeleiern(1) und so weiter. Und als mein Vater ihn ansah, konnte er im Gesicht des Mannes sehen, dass er nicht in der Lage sein würde, zu essen, und das sei unendliche Verzweiflung gewesen. Und mein Vater sagte zu meiner Mutter, dass er so eine Angst habe, dass sie irgendwann dieses Paar sind. Mein Vater erzählt mir das, dann weint er. Ich sage dazu Dinge, die eine große Schwester wohl sagen würde.

Bald reicht dann meine Kraft nicht mehr und ich muss dringend gehen. Auf dem Heimweg heule ich und bin sehr stolz auf mich, dass ich ihm diesen Moment gewährt habe. Zu Hause kommt die Angst, dass er nun versuchen könnte, dauerhafte Nähe herzustellen.

  1. Januar 2015

Ich hätte mir keine Sorgen machen müssen, für große Gespräche und Gesten ist er zu schwach. Mir wird erleichtert klar, dass es zwischen uns wie schon immer, so auch jetzt, nur punktuell bedeutsam sein wird.

Ich zeige ihm ein Filmchen von meinem Kind und er lacht unschuldig beim Anschauen. Er ist mir ganz unbekannt so.

  1. Januar 2015

Eine Routine aus banalen Schrecklichkeiten hat sich etabliert. Der einzige Ort, an dem ich mich ruhig fühle, ist unter Wasser.

  1. Februar 2015

Mein Vater ist wieder daheim, ich verbringe den Vormittag bei meinen Eltern, weil meine Mutter einen Termin hat und er nicht mehr alleine bleiben kann. Er ist klapperdürr und schaut immer in die Ferne. Er erlaubt mir, mit seinem Arzt zu sprechen, er ist froh um alles, was wir ihm abnehmen.

Ich mache ihm ein Spiegelei, er isst es aus Höflichkeit. Erst danach fällt mir die Neuengland-Geschichte wieder ein.

Mein Handy ist voller Fotos von Laborbefunden und Arztbriefen.

  1. Februar 2015

Er hat wieder Blutungen und geht ins Krankenhaus. Besuche fallen jetzt kürzer aus, es wird viel geschwiegen, er ist abwesend und gedrückter Stimmung, liegt auf der Seite und schaut aus dem Fenster. Für Fremde reißt er sich zusammen. Sein Bettnachbar, 20 Jahre älter und krebskrank, ist deutlich fitter als er.

Als der Nachbar entlassen wird, spricht mein Vater ihn an. Rudi, du hast da so einen schönen Apfel. Rudi schenkt ihm den Apfel, ich lege ihn auf Papas Beistelltisch. Meine Mutter erzählt mir später, dass mein Vater förmlich einen Zwang hatte, überall, wo Äpfel herumlagen, einen mitzunehmen. Gegessen hat er sie nie.

  1. Februar 2015

Ich bin 20 Minuten bei ihm und warte dann 3 Stunden auf den Arzt. Der Arzt empfiehlt, Pflege zu beantragen. Ich fühle mich gut, dass ich was tun kann, und kann zum ersten Mal seit Langem etwas essen.

  1. Februar 2015

Am Nachmittag bekommt mein Vater entsetzliche Bauchschmerzen. Erst das Morphium hilft. Die Ärzte wollen am nächsten Tag noch einmal punktieren.

  1. Februar 2015

Morgens bin ich unschlüssig, ob ich ihn besuchen soll. Es ist Weiberfastnacht und ich will ungern mit dem Zug fahren. Ich rufe um 10 Uhr auf der Station an und frage nach ihm. Der Arzt sagt, es gehe Papa nicht besonders gut, er habe die Punktion gerade hinter sich. Ich beschließe am Nachmittag nochmal anzurufen.

10 Minuten später ruft der Arzt wieder an. Mein Vater ist gerade gestorben. Der Arzt ist verwirrt, weil er nicht genau weiß, warum gerade jetzt.

Wir fahren hin. Ein Arzt schwurbelt herum, bis ich merke, dass er gar nicht der Arzt ist, der anwesend war, als mein Vater gestorben ist. Ich schaue den Toten an. Das ist nicht schlimm. Aber ich habe immer noch Hemmungen, ihn anzufassen. Ich bleibe noch kurz allein mit ihm, um mich zu verabschieden, und sogar obwohl er mich nicht hören kann, ist es mir peinlich, denn sein Sarkasmus ist ja in mir drin.

Als wir das Krankenzimmer ausräumen, liegt da dieser Apfel.

 

 

 

(1) Im Nachhinein bin ich mir nicht mehr sicher, ob es wirklich Spiegeleier waren.

 

 

 

 

 

 

 

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Das Alter fürchtet mich.

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Uterus, Eigenbau

Uterus, Eigenbau

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